Wer wen berührt

Es passieren zu schnell zu viele Dinge. Selbst wenn nichts passiert, passiert etwas. Das scheint hier in Kerala so zu sein. Du merkst, dass ich von Indien auf Kerala umgeschwungen bin. Einfach, weil es offensichtlich beinahe schwierig ist, Indien zu sagen. Weil es so große Unterschiede gibt.
Ich war ein paar Tage im Urlaub hier. Ein Urlaub auf meiner Reise. Ich hatte so die Möglichkeit, noch mal neu zu starten.


[Hier habe ich Text gestrichen.]


Gestern habe ich gesehen, wie Künstler ausgebildet werden. Von der Pieke auf. So richtig. Ich habe gedacht, oh, so eine Ausbildung habe ich nicht.
Danach durfte ich Tempelelefanten sehen. Die Elefanten haben mich beruhigt. Ich durfte sogar einen berühren. Ich habe vorher noch nie einen Elefanten berührt.
Danach habe ich geweint. Weil der Elefant mich so sehr berührt hat. Er lag da und ich habe gespürt, wie er atmet. Wie dieses große Tier auf eine feine Berührung reagiert. Wie er wusste, dass ich nicht sein Pfleger, sondern eine fremde Person bin, die in seine tägliche Baderoutine reingrätscht.
Während ich die Zeilen schreibe, muss ich wieder weinen.
Gestern Abend habe ich außerdem noch die Sonne untergehen sehen, wie ich sie noch nie hab untergehen sehen. Sie war ein roter, roter Feuerball, vor einem grau-blauen Horizont. Abgesetzt und klar, wie ich es noch nie vorher gesehen hab. Sie ist noch nicht mal wirklich im Meer versunken. Sie ist eher im Blaugrau verblasst.
Van Gogh hatte eine Schwäche für Grau. Ich hätte die Grautöne gestern gerne mit seinen Augen gesehen. Obwohl das Rot so viel stärker war. Oder vielleicht gerade deshalb.
Jemand hat kürzlich zu mir gesagt, dass meine Haare aussehen wie von van Gogh gemalt. Das fällt unter eines meiner Lieblingskomplimente. Wer mich kennt, weiß, dass ich eine Schwäche für van Gogh habe. Oder er für mich.
Wir wissen nie, wer wen mehr berührt.

Ragna

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