Weiche Seiten

Hab gerade zufällig Lyrik von mir selbst gelesen. Ich vergesse immer, dass ich zwischendurch mal Gedichte schreibe. Ich zeig sie nie. Ich fühle mich nicht bereit, zuzugeben, dass ich eine weiche Seite habe. Was das angeht, sind der Schäfer und ich ähnlich. Nä, sagen wir, unsere weiche Seite bleibt einem auserwählt Kreis Personen vorbehalten.
Ich kenne die weiche Seite des Schäfers. Morgens, wenn ich aufwache, schaut immer sein Hinterteil unterm Bett hervor. Wenn er merkt, dass ich wach bin, wedelt er freundlich mit dem Schwanz und wurschtelt sich herum, so dass seine Nase hervorlugt. Wenig später der Kopf und dann die Vorderbeine. Dann will er gestreichelt werden. Das macht er deutlich, indem er mit den Vorderpfoten über seinen Kopf streicht. Sobald ich aufhöre zu kraulen, die gleiche Aufforderung. Das ist unser Ritual. Das ist die weiche Seite des Schäfers.
Wenn ich meine Gedichte lese, lese ich über die
Innenwelt einer gefühlvollen Person.
Kürzlich hat der Fotograf Bilder von mir gemacht. Ich habe immer gesagt, Fotograf, deine Bilder sind sehr sinnlich. Ich stelle mir vor, wie ich drinnen bade.
Der Fotograf und ich haben entschieden, dass er seine Scheu vor Menschen ablegt und Fotos von mir macht. Ich mache gerne Fotos. Modeln nennt man das glaube ich. Ich model gerne. Ich tu mich schwer, dieses Wort auszusprechen, weil ich denke, man muss mindestens glatte Haare und lange Beine haben, damit man ein Model ist. Ich habe keine glatten Haare, meine Beine sind proportional zum Rest meines Körpers zwar lang, aber der Rest meines Körpers ist kurz. Meine Nase ist etwas schief, meine Lippen auch und mein Kinn ist zu spitz. Meine Stirne ist flächig und mein Haaransatz wie ein Herz. Das kann kein Model sein, denke ich. Andere finden mich schön.
Als ich ein Teenager war, habe ich gemodelt. In meiner Umgebung kam das weniger gut an. Man nannte es oberflächlich und billig.
Ich bin oberflächlich und billig. Außerdem bin ich intolerant. Ich toleriere keine ungebetenen Gäste beispielsweise. Das wird mir immer wieder zum Verhängnis. Außerdem bin ich meinem Aussehen gegenüber intolerant. Jemand meinte kürzlich zu mir, dass ich mich mir selbst schlecht rede, um beispielsweise Neid von anderen nicht zu spüren. Weil wenn ich selbst die Überzeugung habe beispielsweise nicht besonders schön zu sein, wird auch niemand einen Grund haben neidisch auf mein Aussehen zu sein. So die Logik dahinter. Das Gleich gilt natürlich für andere Dinge, wie beispielsweise Gedichte.
Jedenfalls hat der Fotograf mich in seine Bilder gelassen. Er hat seine Kameralinse geöffnet und jetzt bin ich auf seinen Bildern. Sie sind bewegt mit weichen Formen und klaren Farben. Ich schau die Bilder an und sehe mich selbst durch die Augen des Fotografen.
Eigentlich wollte ich, nachdem ich vorhin über meine Lyrik gestolpert bin, ein Gedicht schreiben. Stattdessen ist es dieser Text geworden. Das ist typisch für mich. Dass ich dann genau kein Gedicht, sondern einen spröden Text schreibe. Entweder man zwingt mich oder es geht ganz von alleine. Eine Abstufung dazwischen gibt es für mich nicht.
Vielleicht wurde das Gedicht, das ich heute schreiben wollte, auch einfach schon geschrieben. Vor ein paar Monaten.
Ich teile das Gedicht hier mit dir. Als Zugabe. Als Beweis für meine weiche Seite, die die Bilder liebt und die von den Bildern geliebt wird. Als Ersatz für das Gedicht, das ich heute eigentlich hätte schreiben können.

Fast unmerklich tret ich in deinen Blick,
wie feine Blütenblätter seidig weich,
streicht dein Auge zärtlich über mich.
Verliert sich weit weg dann im Horizont,
wo Grau in Graue sich verliert,
mit deinem Blick.

Ragna

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