Was man sieht

Ich hab vor ein paar Monaten ein Stück übers Verliebtsein geschrieben. Dann habe ich ein Stück über verpasste Chancen geschrieben. Das sollte ich jetzt eigentlich einstudieren. Es wurde übersetzt  –  und nun ja, es tun sich Probleme auf, weil bestimmte Metaphern in der Sprache, in die es übersetzt wurde, so nicht funktionieren. Bzw. – sie sind zu extrem, zu flach oder auch zu abgenutzt. Das ist ärgerlich. Ich meine, man nehme das Wort Blume. Woran denkst du bei Blume? An Sex? Als ich das Stück geschrieben habe, habe ich dabei nicht in erster Linie daran gedacht.
Hab gestern mit dem Schüler darüber gesprochen, an was er denkt, wenn er eine Geschichte hört. Er denkt an nichts, meinte er. Keine Bilder. Daran arbeiten wir. Habe ich gesagt. Wenn der Schüler eins bei mir lernen soll, dann, dass er Bilder sieht, wenn er eine Geschichte hört.
Ich habe früher immer gedacht, dass das normal ist. Dass alle Leute ungefähr das gleiche sehen, wenn sie etwas hören. Oder andersrum. Oder fühlen. Oder überhaupt etwas. Irgendwann habe ich erfahren, dass dem nicht so ist. Das hat mich überrascht. Seit ich in Indien bin, beschäftigt mich das. Die Verschränkung von Dingen. Von Wahrnehmung. Die Sinne. Wie die Dinge zusammenschwingen, sich verbinden und trennen.
Wenn du vor mir sitzen würdest, würde ich dich jetzt fragen, was du siehst, wenn du meine Texte hörst. Ob du ein Bild vom Schäfer hast. Ob du ein Bild von der Kleinstadt hast. Wie die Wolken beschaffen sind. Wie die Lache der Hebamme ist. Ob du den Ruf der Schafe hörst. Woher er kommt. Kommt er von  oben, von unten, von hinten, von vorne, von rechts, von links oder von innen? Und wenn von innen, aus dem Kopf? Oder aus dem Herzen? Oder aus der Blume?
Als ich mich entschieden habe, hierhin zu fahren, bin ich ihm gefolgt. Bisher habe ich vor allem Hunde und Vögel und Kühe gesehen. Ein paar Ziegen vielleicht. Sie standen neben den Gleisen.
In diesem Sinne werde ich daran arbeiten, dass der Schüler zu seinen Bildern kommt. Dass wir eine Lösung für all die Blumenfragen finden und dass meine schriftstellerische Zweigleisigkeit vorangeht. Die Pferdewirtin schalt mich gestern, ich solle voran machen und dass ich egoistisch sei und so weiter. Über Egoismus schreibe ich beim nächsten Mal.
Hier wird es bald schon dunkel. Trotzdem liege ich noch immer im Bikini am Infinitypool. Als wenn nirgends Winter wäre.

Auf dem Video siehst und hörst du die Umgebung.

Ragna

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