Vanfluencerin

Seit gestern rede ich ununterbrochen davon, Influencerin zu werden. Vanfluencerin, um genauer zu sein. Ich habe nämlich ein fancy Video gemacht, wie ich aus dem Bus heraus filme. Durch die Macramee-Vorhänge hindurch in die gen Meer sinkende Sonne hinein. Und alles ohne Filter. Es sieht wirklich schön aus. Ich habe gedacht, das werde ich jetzt professionell betreiben.
Der nächste Morgen.
Ich sitze im Eingang meines Busses und trinke einen Kaffee. Vor mir das Meer. Es färbt sich langsam dunkelblau. Die Wellen sind gleichmäßig. Da, wo sie brechen, bildet sich eine weiße Krone. Ein paar Wolken am Horizont. Eben noch war alles türkis und der Himmel pastellig. Irgendwas zwischen rosa, hellblau und grau. Der Sand in den Dünen war eiskalt an den nackten Füßen.
Ich rede wieder darüber, Vanfluencerin zu werden. Ich drehe mich zu meinem Freund um. Er liegt noch im Bett. Er ließe sich bestimmt hervorragend vermarkten. Er inspiriert mich.
Als ich mich umdrehe, sehe ich das Chaos in meinem Bus. Mein innerer Alarm schrillt. Ich habe gestern aufgeräumt. Gestern Abend, um genau zu sein. Mein Freund hat einen Sonnenbrand. Der Bus heißt nicht Karl, sondern Olivia. Wie konnte das passieren. Dieser Name ist maximal ungeeignet für ein Vanfluencer-Mobil. Außerdem hat er Alufelgen. Diese verdammten Alufelgen. Das Geschirr ist nicht gespült. Meine Stimme überschlägt sich, als ich meinen Freund anschreie, so werde ich keine Vanfluencerin. Wie soll das gehen. Er sagt, zeig doch dann die Realität. Nein, das gibt es schon, das gibt es schon. Ich starre auf seinen Sonnenbrand. Mir wird schwarz vor Augen und ich falle in Ohnmacht.
Als ich wieder aufwache, habe ich diesen Text geschrieben. Ich schaue aufs Meer. Es ist dunkelblau. Der Himmel auch. Links oberhalb von mir ist der Mond. Etwa ein Halbmond. Die gebogene Seite zeigt nach links oben. Die Wolken sind diffuser geworden. Der Horizont ist ein bisschen höher als meine Augen. Eine klare Linie. Gebogen, so weit. Es ist Ebbe. Und trotzdem kommen die Wellen in Richtung Strand.

Auf dem Bild siehst du, wie ich Kaffee trinke. Kurz bevor ich den Text schreibe.

Das ist das Video.

Ragna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zurück nach oben