Tulpe

Normalerweise kommt der Schüler zu mir, weil er Probleme mit der Rechtschreibung hat. Er weiß weder, wo man ein Komma setzt, noch wann man das mit 2 S schreibt. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, meine Rechtschreibung war gut damals. Aber das tut jetzt nichts zur Sache.
Der Schüler weiß außerdem nicht, wann man was wie am besten ausdrückt. Ich habe schon ein halbes Buch vollgeschrieben mit Übungen, die ich mir dafür überlegt habe. Der Schüler lernt das normalerweise mit der Zeit. Er fängt an, gute Texte zu schreiben. Das sagen auch die Lehrer.
Es gibt zwei Dinge, die dafür wichtig sind. Erstens gibt es grundsätzliche Sachen, die der Schüler einfach lernen muss. Immer.
Zweitens gibt es die individuelle Umsetzung.
Ich sage, wir sind da, um uns auszudrücken. Sprache ist für uns da. Sprache ist da, um wahrgenommen zu werden. Wir wollen das Wesen der Sprache entdecken. Nimm den Stift in die Hand.
Der Schüler nimmt ihn in die rechte oder in die linke Hand. Meine Aufgabe ist es, dem Schüler das zu sagen, dass er den Stift in die richtige Hand nehmen soll.
Um auf den Punkt zu kommen. Warum um alles in der Welt lernt der Schüler in der Schule nicht von Anfang an, dass Schreiben ein absolut kreativer Prozess ist? Warum hat der Lehrer Panik vor Kreativität?
Der Schüler sagt immer wieder Kunstunterricht ist doof und solche Sachen. Deutsch sowieso. Aber er kommt immer pünktlich zu meiner Stunde. Über Monate. Und dann schreibt er einen guten Text. Über Freiheit. Kein Witz.
Jedenfalls habe ich gemerkt, dass ich, wenn ich einer höheren Mission folge – welcher auch immer – nicht mehr schreiben kann. Ich versteife mich. Ich schreibe nicht mehr wie ich. Ich will schnell fertig werden. Und dann tut mir der Arm weh. Meine Muskeln machen zu.
Deshalb schreibe ich beim Schüler mit. Ich unterrichte mich sozusagen selbst. Gestern habe ich in meiner Stunde folgenden Text geschrieben:

Ich bin eine Tulpe. Ich bin rosa. Mit einem hellgrünen Stängel. Meine Blätter hat man mir abgeschnitten. Oder ich habe sie verloren. ich verliere immer alles. Außer meine Würde. ich bin würdevoll. Ich bin die schönste Tulpe, die alles verliert. Man geht mit mir spazieren.
Die Tulpe gehört in die Vase, stelle ich fest. Sie braucht Wasser. Nicht unbedingt wie ein Fisch. Aber so ähnlich. Mit Fischen würde ich so ohne Weiteres nicht spazieren gehen. Das wäre dann wirklich seltsam. Als ich klein war, bin ich mit meinem Huhn spazieren gegangen. Das war – sagen wir mal – ungewöhnlich. Aber auch lustig. Ich liebe lustige Dinge.
Die Tulpe ist an sich nicht so lustig. Aber sie duldet es, wenn ich lustig bin. Sie steht würdevoll in der Vase und ist schön.

Der Schüler hatte gute Vorarbeit geleistet.

Auf dem Bild siehst du die Tulpen in meinem Arbeitsraum. Sie erinnern mich daran, dass es die Natur gibt, die größer ist als ich. An der Wand hängt Iphigenie. Sie schaut aufs Meer.

Ragna

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