Tag 5

Hab mir paar Gedanken zum Leben gemacht.
Ich hole aus.
Bis zum Herbst habe ich ziemlich regelmäßig  meine Schauspielausbildung in London verfolgt. Dann hat sich der Lehrer im Ton vergriffen, ich habe gesagt: „So nicht, mein Freund, nicht mit mir, nein, ich bin zu alt für solche Späße.“ Daraufhin haben der  Lehrer und ich eine gewisse Zeit nicht mehr miteinander geredet. Ich habe mir gedacht: „Wäre doch nett eigentlich, mal mit der Schauspielerei ein bisschen voranzukommen. Kümmere dich um einen Job, den alten magst du eh nur 50%.“
Ich habe dann angefangen, diverse Menschen und Plattformen zu kontaktieren und festgestellt, dass das ziemlich mühsam ist. Dass weder Leute vor Freude jubeln, noch dass die Türen auffliegen, nein, im Gegenteil. Eventuell bin ich auch etwas verwöhnt und mir wurden in anderen Bereichen in der Vergangenheit schnell mal Tür und Tor aufgerissen. Ich habe mein zehn Jahre jüngeres Ich wieder verstanden, dass es sich damals gegen die Schauspielerei entschieden hat.
Jedenfalls habe ich geheiratet – eine andere Geschichte. Danach bin ich krank geworden. Fünf Tage lang habe ich rumgelegen und mich über diese Tatsache geärgert. „Mist“, habe ich gedacht, „was für eine miese Angelegenheit.“ Ich habe mich gefragt: „Hätte ich dies oder das anders machen könne? Muss ich dieses oder jenes verstehen?“
Währenddessen durchforstete ich das Internet nach Schauspieljobs und lud noch ein paar Bilder auf Castingplattformen hoch. Völlig erledigt lag ich an Tag 5 in meinem Bett. Ich begann, billige Fernsehsendungen zu schauen und – entspannte mich.
Wie das im Leben manchmal so ist, stieß ich an besagtem Tag außerdem auf ein paar gute Buchzeilen, die mich daran erinnerten, dass es nicht darum geht, sich von äußeren Dingen wie Erfolg das Leben diktieren zu lassen. Außerdem scrollte ich an Tag 5 durch meine Handygalerie. Dabei fiel mir etwas auf: In meinem Leben, und zwar egal in WELCHER Phase meines Lebens, war ich immer am glücklichsten, wenn ich nicht wie eine Irre einem äußeren Ziel hinterherjagte. Nein, ich war am glücklichsten, wenn ich neugierig und offen einen Weg verfolgte, wenn ich im Moment lebte, wenn ich die Umstände akzeptierte, wenn ich das Bestmögliche aus meinen Situationen machte.
Ich war glücklich in meiner Zeit als Studentin. Dann habe ich einen wichtigen Job bekommen und mein Leben wurde weniger bunt, kleiner, einsamer.
Ich habe angefangen, Keineschafetexte zu schreiben und dem Schafpudel Lächerlichkeiten wie das Wagenziehen beizubringen und hatte den Spaß meines Lebens. Jeder Tag war neu und ein Geschenk. Dachte dann: „Da muss ich was draus machen.“ Und vorbei war der Spaß.
Ich habe eine Schauspielausbildung begonnen, war der glücklichste Mensch auf Erden, einfach, weil ich meinem Traum folgte. Hatte dann das Gefühl, dass es auf eine ,gute Bahn, die zu was führt`, muss und habe im Grunde aufgehört ÜBERHAUPT Schauspiel zu machen. So beschäftigt war ich damit, das Beste rauszuholen.

An Tag 5 habe ich dann den Ruf der Schafe gehört. Er hat mich gefragt: „Für wen?“

Möglicherweise geht es am Ende darum, sich klar darüber zu werden, was die eigenen Ziele wirklich sind. Ob es tatsächlich um Ruhm und Geld geht, oder aber, ob es darum geht, um des Schreibens Willen zu Schreiben. Einzig wegen dem Fun-Faktor Schauspiel zu betreiben. Nur, weil es einen glücklich macht, den Schafpudel sein Eigen zu nennen. (Auch ohne Schafe.)
Wie schön wäre es, wenn man das wirklich spüren würde. Wenn man damit aufhören könnte, sich diesen Vorstellungen von Erfolg unterzuordnen. Und wie schön wäre es, daran zu glauben, dass eventuell nur dieser Weg überhaupt erfolgsversprechend ist.
So oder so. Meine Flitterwochen habe ich im Bett verbracht. Ich nehme die Dinge ernst. Ja, ja.

Ragna

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