Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Schiller
Alle paar Monate oder Jahre begegnet mir dieses Zitat. Manchmal grüßen wir uns freundlich. Wie alte Bekannte. Manchmal beäugen wir uns mit distanziertem Interesse, das Wissen über und um Schiller und die Vorstellungen über und um die Aufklärung im gleichen Moment präsent. Manchmal fallen wir uns aber auch um den Hals, wie Verliebte, die eine lange Zeit getrennt waren. Denn würde ich nur auf die Worte hören, die ich da lese, alles vergessen, was ich je an klugen Dinge sonst so gelesen habe, ich wäre für immer im Frieden mit mir und der Welt.
Von vorne. Ich denke, Schiller hat das damals in erster Linie für mich geschrieben.
Mir ist etwas klar geworden. Ich habe im letzten Jahr ziemlich konsequent einen Weg verfolgt. Ich bin nach London gegangen und habe dem Lehrer gesagt, er soll aus mir eine Schauspielern machen. Der Lehrer hat gemacht, was ich ihm gesagt habe. Ich habe eiserne Disziplin an den Tag gelegt. Habe alles unter einen Hut bekommen. Habe dem Schafpudel gesagt, du machst jetzt mit, oder es setzt was, der Schafpudel hat mit gemacht. Ich habe Gewichte gestemmt und bin den ganzen Sommer mit meinem Bikini durch die Kleinstadt gewackelt, so wohl habe ich mich wieder in meiner Haut gefühlt. Ich habe meine ersten Bühnenerfolge gefeiert, eine Schauspielgruppe gegründet und auch noch meine Mutter besucht.
Kurz gesagt, ich habe aufs Gaspedal gedrückt. Nichts, was verwerflich wäre.
Aber, ich habe aufgehört, Keineschafetexte zu schreiben.
Ich habe mit dem Ernst des Lebens gesprochen. Er meinte, Keineschafetexte haben keinen Wert. Sie sind Spielerei. Quatsch. Ausgeburten deines albernen Charakters. Ich habe sie geprüft und sie sind durchgefallen.
Warum sind sie durchgefallen, frage ich.
Der Ernst des Lebens hält kurz inne. Offensichtlich überlegt er.
Nun, sagt er, mit wichtiger Miene. Sie fallen dir ja geradeso ein. So zwischendrin. Du öffnest noch nicht Mal dein Notizbuch oder fährst deinen Computer hoch. Du korrigierst sie nicht. Und, seine Nasenlöcher beben vor Erregung, du verfolgst kein wirkliches Ziel. Kein wirkliches. Wie damals mit deinen Filmchen. Nur Firlefanz. Schon immer nur Firlefanz. Wie deine Locken. Firlefanzhaare. Durchgefallen.
Der Ernst des Lebens atmet erschöpft von dieser emotionalen Ansprache aus. Ich bedanke mich und wünsche ihm einen schönen Nachmittag.
Ich vergieße ein paar Tränen. Vielleicht aus Mitleid meinem verspielten Charakter gegenüber.
Vielleicht sind es auch Freudentränen. Ich weiß es nicht. Jedenfalls falle ich dem Zitat um den Hals. Ich drücke es an mein Herz. Lasse es nie wieder los. Lasse die Misere der Vorstellung der Aufklärung und den kulturellen Verfall bei den klugen Köpfen. Hier habt ihr das Problem, rufe ich über die Schulter des Zitats. Es hat seine Arme um mich geschlungen. Wir stehen da. Um uns, dreht sich die Welt.