Seerose

Hab die Tage unsere Seerose beobachtet. Sie ist langsam aufgegangen. Wusste ich auch nicht, dass Seerosen so eine Art Eigenleben führen. Jedenfalls habe ich mir gedacht: Wie nice wäre es, nur eine Seerose zu haben und keinen Schafpudel. Das Leben wäre irgendwie entspannter.
Alle Dinge, die mich am Schafpudel nerven, hat die Seerose nicht. Sie springt nicht in die Leine und sie juckt es auch nicht, wenn ne Katze vorbei läuft. Selten habe ich erlebt, dass die Seerose gefährlich wird, wenn jemand den Garten betritt. Und sie ist verdammt langsam und leise.
Manchmal, wenn der Schafpudel richtig wild ist und der Spitz ihm eingeredet hat, dass die Welt ein gefährlicher Ort ist, frage ich mich, wieso ich mir das gebe. Könnte doch einfacher sein, nur mit der Seerose. Keine Widerstände. Ich könnte den ganzen Tag dasitzen und der Seerose zuschauen, wie sie sich öffnet und schließt. Vielleicht würde ich irgendwann mit ihr reden. Sie würde mir nicht antworten. Sie würde mich lange anschauen und dann bedächtig die Augen schließen. Ich würde mich vermutlich alleine fühlen, irgendwie. Dann würde ich mir wünschen, dass der Schafpudel, der alte Schlawiner, mal wieder auf die Pauke haut und mir ins Ohr brüllt: Zeig mir, dass du da bist!
Auf dem Bild siehst du die Seerose, die in unserem Garten blüht. Der Schafpudel hat sie übrigens verschont.

Ragna

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