Rheinland

Sitze in der rheinischen Bäckerei und beobachte den Rheinländer. Wie er den Laden betritt und verlässt. Selten habe ich was Unterhaltsameres gesehen, als den Rheinländer. Ich bin hier auf die Welt gekommen. Meine ersten Schritte bin ich auf diesem Boden gegangen. Ich wusste nicht, wie sehr mich das geprägt zu haben scheint. Wenn Leute mir beispielsweise sagen: R., brüll nicht so. Dann weiß ich jetzt, dass ich nur so brülle, weil ich Rheinländerin bin. Auch dieser unverschämte Singsang, der oft in einer Beschwerde mündet – Dialekt. Ich wusste, dass es nicht meine Schuld ist. Verschlafen strecke ich meinen Kopf am Morgen aus Olivia. Die Nacht hat mir zugesetzt, weil es so warm war, dass der Schäfer kein Auge zubekommen hat. Er hasst warme Sommernächte. Deshalb beschwert er sich und hält den Spitz und mich wach. Ich strecke jedenfalls vorsichtig den Kopf aus Olivia, um nachzusehen, ob draußen alles in Ordnung ist. Ich hatte ein Gewirr aus Stimmen gehört. Das müssen mindestens 8 Menschen sein, die sich da beschimpfen. Ich halte mein Handy gezückt, bereit, die Polizei zu rufen, falls es zu ernsthaften Ausschreitungen kommen sollte. Verwirrt sehe ich mich um. Ein paar Meter von uns entfernt unterhalten sich zwei Rentner in Funktionsklamotte. Der eine mit Nordic-Walking-Stöcken, der andere mit Rollator. Sie scheinen relativ gut gelaunt, auch wenn ihnen eine gewisse Beschwerde ins Gesicht geschrieben steht. Die Beschwerde sitzt sprachlich und mimisch locker, beim Rheinländer. Das Kompliment und das Tach auch. So werden wir munter jeden Morgen mit Tach und Haaaallo und schönen Tach noch angebrüllt und ich fühle mich wie eine Königin, wenn ich beim Bäcker mein normales Brötchen bestelle, weil ich das Gefühl habe, der rheinländische Bäckereifachverkäufer freut sich über alle Maßen über mich. Ich bin sein Tageshighlight.
Mein Tageshighlight besteht darin, mit dem Schäfer in den Rhein zu springen. Der Rhein ist hier zwar eine dreckige Plörre, aber: Et hätt noch immer joot jejange.

Ragna

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