O R

Gestern war es warm. Ich gehe in den Garten. Ich bin nicht alleine. Am Gartentisch sitzt die Opferhaltung. Hinter ihr steht ein kleines Grüppchen. Ich nicke ihnen zu und setze mich. Den Tisch hat mein Freund selbst gebaut.
Mein Freund ist nicht nur Banker, nein, er hat Hände eines Handwerkers und Beine eines Mountainbikers. Er ist Österreicher und fleißig. Wegen ihm rolle ich im Alltag nicht mit meinem ollen Maxwell durch die Gegend, sondern mit einem chicen Schlitten, um den mich sogar die Pferdewirtin beneidet.
Jedenfalls hat mein Freund ein Auto. Er besitzt es und ich fahre es und versaue es mit meinen matschigen Schuhen und meinen vielen Jutebeuteln. Die Pudels feiern da drinnen Feste zu Ehren ihres Fellwechsel. Außerdem bin ich letztens in ein riesiges Loch gefahren. Ohne Witz. Wie kann das passieren, habe ich mich gefragt. Zum Glück hing nur die Stoßstange runter und nicht die Mundwinkel meines Freundes. Er ist geduldig mit mir. Nicht, dass er nicht auch schwierige Seiten hätte, aber das gehört hier wirklich nicht hin.
Ich sitze also an dem Tisch. Mir gegenüber die Opferhaltung.
Hier ein kurzer Mitschnitt aus unserem Gespräch:

O: Na, du.
R: Was willst du denn schon wieder?
O: Ich will dich nur nicht alleine lassen. Schau doch mal, wie gefährlich die Welt ist. Und so viel Ungerechtigkeit. Und du mittendrin.
R: Hm, ja…
O: So lange du mir vertraust, passiert dir nichts Schlimmes.
R: Aber auch nichts Gutes.
O: Na was weißt denn du schon. Besser, du bleibst klein. Da gibt es keine Risiken und Anerkennung bekommst du trotzdem. Immerhin hast du es so schwer. Und wenn du klein bist, dann kannst du auch eh nichts machen. Komm, verschwende deine Zeit. Verschwende deine Zeit mit mir.
R: Wer steht denn da eigentlich alles hinter dir?
O: Ach die da? Das geht dich nichts an. Wenn du zu viel weißt, bist du doch nicht mehr sicher. Pass lieber gut auf dich auf. Guck doch mal, wie arm du bist. Na, wie fühlt sich das an, wie fühlt sich das an. Fühlt es sich gut an? Ja? Es fühlt sich gut an, was?! Wohlig warm, bequem, wie ein kuscheliges Sofa, wo man die Beine hochlegen kann, die armen Beine. Guck, wie viel sie nur tragen müssen, die armen Dinger. Guck sie dir nur an.
R: Was willst du?
O: Dir nur ein bisschen Gesellschaft leisten.

Ich lache über den Schafpudel, der eine Katze jagt. Ich öffne mein Portemonnaie und zähle mein Geld. Ich hole meinen Stift raus und schreibe einen Text.
Die Opferhaltung steht beleidigt auf und geht mit ihrem Gefolge in den Nachbargarten, um der Igelfrau einen Besuch abzustatten.

Als ich meinen Freund kennengelernt habe, hatte er übrigens keinen Sportschlitten. Nein. Ich denke, er hat ihn nur wegen mir.

Ragna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zurück nach oben