Momente

Was soll ich sagen. Ich komm nicht hinterher. Zu viel ist passiert. Ich weiß nicht, wo anfangen und wo aufhören.
Meistens hilft es in so einem Moment, wenn man sagt, wo man ist. Ich sitze auf einem kaputten Korbstuhl, auf einer Dachterrasse. Über den Dächern Keralas. Um mich herum Beton, Bananenbäume und Kokospalmen. Vorhin ist eine Kokosnuss auf ein Blechdach gedonnert, dass es nur so knallte. Vor ein paar Tagen hat es auch geknallt.
Von vorne. Wir haben einen Ausflug gemacht. Wir sind Fähre gefahren, haben Schokoladenkuchen gegessen und uns moderne Kunst angesehen. Danach wollten wir uns traditionelle Kunst ansehen. Diese war im Tempel. In einem besonders großen. Normalerweise dürfte ich nicht in den Tempel, aber er hat eine Ausnahme gemacht. Wir haben wieder Elefanten gesehen. Geschmückt und begleitet von Trommeln. Viele, viele Trommeln. Kerala kultiviert meine Wortwiederholungen. Das spiegelt die Intensität der Umstände wieder. Denk dir beinahe jedes Wort mit einer Wiederholung.
Überall waren Lichter und Menschen. An jeder Ecke war eine Bühne und die Menschen haben gesungen, getanzt und eben getrommelt. Manchmal ändern die Dinge sich innerhalb von Sekunden und plötzlich war ich hinter einer der vielen Bühne und habe zugesehen, wie sich die Schauspieler für ihre Aufführung fertig gemacht haben. Es wurden Bänder gebunden und Schminke aufgetragen, die die Geschichte von Jahrhunderten in ich trägt. In Windeseile. Ich saß auf dem Boden und hab zugeschaut.
Jedenfalls fing dann die Aufführung an und es wurde wieder getrommelt. Laut, sehr laut. Unglücklicherweise saß ich auch noch vor einem verstärker. Die eigentliche Frage ist natürlich, warum sie einen Verstärker benutzt haben. Aber das brauchen wir jetzt hier nicht auzudiskutieren.
Dann, plötzlich, ein knall. Noch einer, noch einer, noch einer. Immer mehr und schneller. Ich habe mir die Ohren zugehalten, aber mein ganzer Körper hat vibriert. Ich konnte mir nicht den ganzen Körper zuhalten.
Kurz dachte ich, alles klar, das wars jetzt. Dabei war es ja nur ein Feuerwerk. Ein billiges, billiges Feuerwerk. Der Trommler hatte noch nicht mal aufgehört zu trommeln. Ich habe noch ein bisschen dagesessen und versucht, die Aufführung zu genießen. Aber die Mischung aus Hitze und Lautstärke hat mich irgendwann zu Fall gebracht. Ich habe mir noch ein Andenken, an diesen außerordentlichen Tag gekauft. Eine kleine Ganesha-Figur. Der Verkäufer hat mir einen Rabatt gegeben. Alles, vor dem man mich hier gewarnt hat (denk dir das Gewarnt in Anführungszeichen), trifft nicht ein. Nein, der Verkäufer gibt mir einen Rabatt. Dafür treten andere, unerwartete Dinge auf. Die zum Beispiel dazu führen, dass ich hier auf der Dachterrasse sitze, statt zu proben. Wir proben bald bestimmt auch wieder. Bis dahin lasse ich mich vom Leben überraschen. Lasse die Pläne Pläne sein, höre dem Hupen und den Vögeln, die man jetzt wieder hören kann, da der Baustellenlärm sich in den letzten Minuten gelegt hat, zu. Höre auf mein Herz, dass für dieses Leben schlägt. Das nur die Gewissheit hat, dass alles sich bewegt.

Auf dem Bild siehst du mich in Fort Kochi. Kurz bevor ich im Tempel war.

Ragna

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