Küsse

Heute Morgen wurde ich vom Elch geküsst.
Vom Elch geküsst werden ist eine Redewendung und bedeutet so viel wie, die Realität hat zugeschlagen und man zieht Konsequenzen. Oder der Rebell wird in einem geweckt. Wenn man vom Elch geküsst wird, fällt es einem wieder leichter, den Ruf der Schafe zu hören.
Wir wissen, dass wir den Ruf der Schafe hören müssen, damit wir ein berührendes Leben führen können.
Manchmal ist es gut, wenn man einfach losläuft. In eine Richtung, die eben wie eine Möglichkeit erscheint, um dann zu merken, dass es vielleicht die falsche ist. Wenn ich immer an der Kreuzung stehen bleibe und hoffe, dass hinter der nächsten Kurve des einen Weges etwas Tolles wartet, aber es nicht ausprobiere, werde ich nie erfahren, ob es stimmt. Und ich werde nie die Möglichkeit haben, umzukehren und die andere Richtung auszuprobieren.
Einem wird viel suggeriert. Dass man die Dinge so oder so machen muss, um da oder dorthin zu kommen. Was, wenn das für den einen stimmt, aber für den anderen nicht?
Ich hatte mit einem Zitat zu tun, das da lautet:
«Der Erfolg im Theater unterscheidet sich nicht vom Liebesglück; es ist eine Angelegenheit der Haut…»
Danach habe ich mit den Senioren gesungen und ihnen Dornröschen vorgelesen. Danach habe ich mit einem angehenden Balletttänzer (ein Pferd) gesprochen. Ich habe, vermutlich weil ich selbst so viele Schmerzen hatte, Hände, die die Schmerzen von Pferden spüren und lindern können. Deshalb unterhalten sie sich gerne mit mir. Das sagt zumindest die Pferdewirtin. Danach wurde ich vom Elch geküsst. Danach habe ich Social Media gelöscht. Weil Social Media suggeriert, dass es irgendwie irgendeine Möglichkeit wäre. Ich habe es eine Woche probiert und bin nicht viral gegangen. Ich werde auch nie viral gehen. Weil ich nicht die richtige Sprache spreche. Weil ich keinen Algorithmus, sondern Menschen berühren will. Oder Pferde. Je nach Situation. Und ich selbst will auch nicht vom Algorithmus, sondern von Menschen berührt werden. Oder Pferden. Oder Elchen. Oder vom Schäfer. Der Schäfer berührt mich eh. Weil er klug ist und differenzieren kann. Besser als die meisten. Er weiß, was gut und was schlecht für ihn ist. Und er weiß, dass es um die Verbindung geht. Und er lässt sich nicht mit Halbherzigkeit ruhigstellen.
Gerade beginnt es zu regnen. Die Regentropfen berühren mich. Mehr als ein vermeintliches Erfolgsversprechen. Sie sind kalt. Die Kälte lässt mich meinen Ort unter den Kirschbäumen verlassen.
Jetzt ist die Sonne etwas hervorgekommen. Es weht ein frischer Wind. Die Bäume haben begonnen zu blühen und der Wald wird allmählich hellgrün.
Ich denke, manchmal ist es gut, zu prüfen, ob sich Dinge wirklich stimmig anfühlen oder ob man sie nur tut, weil man denkt, man habe keine Wahl. Oder, noch schlimmer, sie einen verwirren und einem vorgeben, dass man das bekommt, was man sich eigentlich wünscht, was die Not vielleicht mildert, aber dazu führt, dass man nicht mehr spürt, wo man eigentlich steht.
Da hilft es, wenn man vom Elch geküsst wird.

Auf dem Bild siehst du den Schäfer und mich, wie wir durch die Wiese rennen. Ein Bild von einem Elch hatte ich nicht. Aber ich denke, der Schäfer ersetzt ihn gut, oder?

Ragna

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