Hier – nicht dort

Manchmal frag ich mich, warum ich hier bin.
Mit hier meine ich nicht auf der Welt im Allgemeinen, nein, das denke ich, lässt sich sowieso nicht so leicht beantworten. Ich meine hier auf dem Land. Da wo ich wohne. Neben der Igelfrau.
Da wo ich früher gewohnt habe, habe ich mich wohl gefühlt insgesamt. Ich hatte Eis und nette Menschen um die Ecke. Mehr braucht man bekanntlich nicht für ein erfülltes Leben.
Dann hat mich sowas wie die Angst vor der Vorhersehbarkeit gepackt. Das mit der Vorhersehbarkeit ist bei mir Vergangenheit. Es hat Vor- und Nachteile.
Ich habe zu mir gesagt, R. vergiss das Eis und die Karriere, geh wohin, wo du mal Zeit für dich hast. Wieder mehr Kunst machen und diese Dinge.
Also habe ich meine Sachen gepackt und bin in die Schweiz gezogen. Volles Risiko. Du wirst jetzt lachen. Aber sozial gesehen, ist es das.
Ich habe gesagt, komm, wir gehen einen Kaffee trinken. Meine Schweizer Bekannten hatten andere Pläne. Wenn ich gewusst hätte, wie schwer es sein kann, Freunde zu finden, wäre ich damals bestimmt nicht so wählerisch gewesen.
Ich habe die Tage eine wirklich nette Person kennengelernt. Wir haben unsere Nummern ausgetauscht und am nächsten Tag hat sie mir geschrieben, hast du Zeit mit mir um die Häuser zu ziehen. Auf dieser Seite der Leitung stand ich seit Jahren nicht mehr. Jedenfalls kommt sie auch aus dem Ruhrpott. 
Wir verstehen uns. Sie hat einen Hund, der mit dem Schafpudel spielt. Er hat keine Angst vor seiner lauten Stimme. Nein, er wahrt sein Gesicht. Vielleicht liegt es an der vom Bergbau geprägten Erziehung. Außerdem hat sie einen Sohn, der Kaninchen züchtet oder sowas in der Art. Ich hab es nicht ganz verstanden. Und sie trinkt mit mir kalten Kaffee im Hagel. Wir sind genügsam. Es macht das Hiersein lustiger.
Vielleicht bin ich irgendwann nicht mehr hier. Zum Beispiel, weil es hier keine Bühne gibt.
Oder keine Schafe.
Bin aber insgesamt nicht sicher, ob es woanders Schafe hat.
Ich schreibe lieber einen Text. Und dann noch einen. Obwohl der davor noch nicht perfekt ist. Das macht nichts. Ich war schon immer eine Rebellin.

Auf dem Bild siehst du, wie der Apfelbaum blüht. Die blühenden Bäume sind ein Grund, hier zu leben. Im Hintergrund siehst du, wie uns der Hagel auf die Pelle rückt.

Ragna

Ein Gedanke zu ”Hier – nicht dort

  1. Ich frage mich das manchmal auch. Wieso ich hier bin. Nicht unbedingt wieso der Ort hier, sondern eher wieso ist alles so gekommen wie es jetzt ist? Und muss das immer so bleiben? Wie frei bin ich wirklich? Kann ich noch das tun was nur ich will? Und was kann ich überhaupt tun? Letztens, aus gegeben Anlass fragte ich mich mal wieder woher es kommt das ich oftmals denke das ich alles beeinflussen kann. Frau Kramarov kommt mir dann in den Sinn. Damals wurde mir irgendwie eingeflößt das ich alles erreichen kann wenn ich mich nur stark genug anstrenge. Sogar Dinge erreichen kann, die ich eigentlich gar nicht wirklich aus mir heraus erreichen wollte. Und das ist immernoch in meinem Körper. In meinem Kopf, in meinem Blut. Ich kann sogar Dinge erreichen die ich gar nicht möchte, mit genug Anstrengung und viel Druck. Muss Anton das auch lernen? Manchmal hat man sich angestrengt und es aber doch nicht erreicht. Zum Beispiel gute Zähne. Anton hat Karies, wohlgemerkt einen Zahn mit beginnender Karies und ich bin fast ertrunken in Scham und Schuldgefühle. Weil ich dachte, ich kann beeinflussen dass das niemals passiert. Zumindest wenn er noch so klein ist und ich mich um gutes Essen und Trinken sowie sorgfältige Zahnhygiene kümmere. Erste Lektion. Hat mich viele Tränen gekostet. Aber das ist das Leben. Vielleicht auch das genetische Leben. Jedenfalls, ich habe alles gegeben.

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