Herzklopfen

Hab mehrere Anläufe gebraucht, diesen Text zu schreiben.
Oft zeigt sich in der Form der Inhalt. Damit meine ich an der Stelle, dass in diesem ersten Satz schon ein Aspekt dessen liegt, über das ich gerade versuche zu schreiben.
Ich bin mitten in der Nacht mit klopfendem Herzen aufgewacht. Mit dem Geschmack von Kürbiskernöl im Mund. Kann sein, dass die anderen Versuche genau daran gescheitert sind. Am Kürbiskernöl. Diese vier Silben. Dieses Wort an sich. Stilistisch voller Abgründe. Jegliche Poesie geht verloren. Spätestens bei diesem Wort. Nur ein Keineschafetext vermag das irgendwie aufzufangen.
Das Kürbiskernöl läuft über das Sofa. Auf den Boden. Mein Herz klopft. Nicht wie wild. Eher in einer angespannten Unruhe, die einen tief einatmen lassen will. Es mangelt an Luft. Das Sofa riecht nach einer anderen Zeit. Man konnte viel falsch machen. Jede Handbewegung birgt die Möglichkeit eines Fauxpas. Jeder Schritt bewegt sich näher Richtung Abgrund. Mein Herz pocht im Rhythmus des drohenden Abgrundes.
Zum ersten Mal frage ich mich, was in diesem Abgrund ist. Der Abgrund fragt zurück. Bin ich dein Abgrund, fragt er.
Ich nehme ein Handtuch und wische das Kürbiskernöl auf. Der Geruch beruhigt mich. Er ist warm. Grün. Kein Blut. Mein Herz wird ruhiger. Noch fühlt es sich nicht nach meinem Herzen an.
Ich gehe noch einmal ein paar Schritte auf den Abgrund zu. Niemals wäre ein einziger Wortwechsel genug. Es hat zu viele Anläufe gebraucht für diesen Text. Ich sehe nichts, als ich versuche in den Abgrund zu schauen.
Ich habe zu viel falsch gemacht. Ich konnte zu viel falsch machen. Diese Sätze liegen wie schuldige Milchlinsen in meinen Augen.
Ich versuche sie wegzuwischen. Sie lassen sich nicht wegwischen. Sie müssen ausgesprochen werden. Ich konnte zu viel falsch machen.
Wenn man zu viel falsch machen kann. Will man nichts mehr machen.
Ich wage einen erneuten Blick. Ich sehe, dass der Abgrund sich beginnt zu bewegen. Bewegung ist gut, denke ich. Ich würde gerne um den Abgrund herum tanzen. Wie wild. Aber meine Beine versagen. Sie waren zu laut. Mein Herz klopft. Ungleichmäßig. Es klopft falsch. Ist das mein Herz?

Ragna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zurück nach oben