Fokus

Der Schafpudel hat sich verletzt. Wir haben uns entschieden, einen Gang runter zu schalten und es uns gemütlich zu machen. Die sportlichen und weltentdeckerischen Ambitionen müssen warten. Wir sitzen in einem Café. Meine Mutter wohnt in einem Dorf und das Café ist im Nachbardorf. Der Griesgram meinte, dass das n Ommacafé sei und meine Mutter schrie vor Entsetzen auf, als ich sie über meine Pläne informierte, in dieses Café zu gehen. Wir sitzen trotzdem hier, weil wir uns einfach gerne selbst ein Bild über die Dinge machen, die Pudels und ich.
Jedenfalls hab ich mir überlegt, dass ich mal an meiner Einstellung arbeiten muss. Bin oft so negativ, hab ich gedacht. Ist doch ganz lustig, das Leben.
Hab das mit der Pferdewirtin besprochen. Wir haben ne Abmachung, dass wir das ändern. Hilft.
Jetzt zum Beispiel könnte ich sowas schreiben wie:
Sitze hier an einer stark befahrernen Dorfkreuzung. Nicht nur von Autos, nein, auch von Traktoren und Mähdreschern. Gegenüber von mir ein leerstehendes, heruntergekommenes Fachwerkhaus mit hellbraunen Fensterrahmen. Die Steine in einem langweiligen Greige gehalten. Im Erdgeschoss hängen vergilbte Gardinen in den ehemaligen Auslagen. Die Leute glotzen blöd und labern mich schräg an, wenn sie mit ihren steifen Hüftgelenken durch den Eingang stolpern. Der Schafpudel liegt abgeschlagen mit schmerzverzerrtem Gesicht neben mir. Unzufrieden, mit vorwurfsvollen Augen, weil er nicht genug Bewegung hat. Ich nippe an meiner Plörre, die mir hier als Cappuccino verkauft wird. Ungenießbar. Ich friere. Genau da wo ich sitze, ist es schattig.
Oder sowas:
Haben endlich Zeit die Beine hochzulegen und die Seele baumeln zu lassen.
Der Schafpudel hat sich bisschen die Pfote aufgerissenen, weil er mal wieder übermütig war. Gibt also überhaupt keinen Grund, sich mit irgendwelchen Aktivitäten zu stressen. Sitzen im Café. Sonne scheint und die Caféfrau kommt sogar raus, um uns zu bedienen, obwohl sie das sonst nicht macht. Hat ein anderer Gast für mich organisiert. Die Pudels chillen unterm Tisch. Sie lieben das Gefühl, in der Stadt zu sein. Paar Leute haben angehalten und gefragt, ob sie uns fotografieren können, weil wir so nett aussehen.
Gegenüber steht ein Haus leer. Mit Ladenlokal. Man könnte da zum Beispiel n Bücherladen hinmachen oderso. Oder Zumbakurse anbieten.
Merkste selbst.
Mir geht’s nicht darum, zu beschönigen. Nein. Eher darum, ob man, wenn man den Fokus immer auf die Dinge richtet, die problematisch sind, dann am Ende des Tages noch genug Energie für die guten Dinge hat. Mir geht’s um den Fokus. Den Fokus, Freunde!

Auf dem Bild siehst du die Pudels und mich, wie wir ein Fensterscheibenselfie machen. In dem Haus gegenüber. Es ist etwas unscharf. Habs in schwarz-weiß abgedruckt. Neutral sozusagen.

Ragna

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