Exposé

Alle fragen die letzten Tage, wann kommt dein Buch, wann kommt dein Buch. Hab ja gesagt, dass ich nach nem Verlag schauen will.
Wieso tu ich mir das an?!
Mein innerer Schweinehund ist aufgewacht und verbreitet schlechte Stimmung. So ne blöde Idee, denke ich. Wer will denn schon Keineschafetexte verlegen. Da müsste man schon einen gewissen Sinn für Humor haben.
Hab angefangen zu recherchieren. Gibt einfach ein Überangebot an Manuskripten.
Man muss dann ein Exposé schreiben und so weiter. Stelle mir vor, wie ich mich an den Laptop setze. Ich schreibe einen Erwachsenentext über meine Keineschafetexte. Mit langen, wohlklingenden Sätzen. Ich benutze Wörter wie Projekt, Krise, Inspiration und Entwicklung. Ich berichte ausschweifend davon, wie ich mich aus dem Sumpf schrieb, den Schafpudel dazu brachte, nicht jeden umbringen zu wollen und wie ich die ersten Schritte auf meinem Weg zur großen Bühne ging. Ich erkläre, dass Keineschafetexte Momentaufnahmen aus meinem Leben ohne Schafe sind. Annäherungen. Zum Schluss zitiere ich mich selbst: „Keineschafetexte wollen nie mehr sein, als sie sind. Sie sind lesbar. Und sie schreiben sich von alleine.“ Ich lese dem Schafpudel meinen Entwurf vor. Er runzelt die Stirn und sagt, was stimmt heute nicht mit dir, Mädchen. Sowas will keiner lesen. Ich penn gleich ein. Meine Arme werden mir beim Schreiben weh tun, weil sie sich gemerkt haben, dass sie bei solchen Sachen anfangen weh zu tun. Nein, sagt der Schmerz, du wirst nicht am Computer arbeiten.
Vielleicht könnte ich noch paar Sachen über Schmerzen schreiben, das würde den Verlag bestimmt ansprechen.
Schmerzen verkaufen sich, ja. Dabei würde der Verlag eine wichtige Mine aufsetzen und sich durch den Bart streichen. Er würde sich räuspern, die Brille absetzen und sagen, nun, und Hunde verkaufen sich in der Tat auch. Aber die kurzen Sätze. Die Zweideutigkeit, der befremdliche Humor, der Freund, die Hebamme, nun, das sind wahrlich keine Cash Cows… Nein, das passt nicht in unser Programm. Der Verlag lächelt gequält, die Augen ruhen dreiviertel geöffnet auf mir.
Jedenfalls habe ich mich übellaunig durch die Verlagsseiten gescrollt. Bin auf Titel gestoßen wie „Sex über Nacht“ oder „Reich – Wie du dich von Erwartungen und Vorstellungen befreist“.
Vielleicht war es auch andersrum.
Warum bitte um alles in der Welt sollten die meine Texte nicht verlegen wollen?! Keine Schafe – Wie alles begann. Ich sehe uns auf den Bestsellerlisten.
Ich werde den Spieß umdrehen, denke ich. Ich werde eine Ausschreibung machen für Verlage. Sie können sich bei mir bewerben und ich entscheide. So sieht es aus.
Oder nein, eigentlich wäre es doch perfekt, wenn ich entdeckt würde. Kann mich bitte mal ein Verlag entdecken da draußen.
Ich brauche einen Verlag, der kein alter Mann ist. Ein Schafpudelverlag. Jung, gewitzt, mit Esprit, ohne Brille und ohne Bart.

Den Text habe ich kurz nach meinem 75. Text geschrieben. Das war vor 2 Monaten. Seit dem habe ich paar mehr noch geschrieben. Hab keinen Verlag kontaktiert. Auch keine Agentur. Hab gedacht, nee, reicht irgendwie nicht. Und außerdem sind die Texte Blogtexte. Am Handy getippt. Keine Ahnung, ob sie sich überhaupt selbst in einem Buch gefallen würden. Vielleicht braucht es andere Texte für ein Buch.

Ragna

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