Eine Henne

Seit ich nicht mehr studiere, habe ich unfassbar viel Zeit. Das ist im Grunde völliger Quatsch, weil ich vorher kaum was für die Uni gemacht habe und sowieso hundert Semester krank gemeldet war. Aber es fühlt sich so an, als hätte ich endlich Zeit. Für ein bisschen Unterhaltung sorgt noch die Administration zur Anerkennung von Studienleistungen. Da werden einem lustige Fragen gestellt, das sag ich dir. Ich weiß auch nicht, wie die Vorlesung Goethe (1790er Jahre bis 1832) in das Modul Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts passen soll.
Jedenfalls habe ich jetzt Zeit für die schönen Dinge.
Ich lese gerade zum Beispiel ein Buch über eine Schauspieltechnik, die mich vom Hocker haut. Da wird gesagt, dass man wieder lernen muss, auf seine ersten Impulse zu hören. Ich habe das gestern mal in meinem Schauspielkurs ausprobiert. Quasi in einem Safe Space. Damit ich nicht direkt all meine Freunde auf einmal verliere. Sozusagen.
Ich habe mir vorher gedacht, R., du lässt es drauf ankommen und dich nur von deinen ersten Impulsen leiten. Ich habe mir so vorgestellt, wie ich da sitze auf meinem hohen Ross des Abwartens. In meinem Elfenbeinturm. Nüchtern. Im richtigen Moment zur Tat schreitend. Kühl und abgeklärt. Raffiniert. Schön. Die anderen beeindruckt von meinem souveränen und pointierten Spiel. Weil von meiner Intuition geleitet.
Pustekuchen.
Ich sag euch jetzt mal was. Wenn ich – und es ist the beginning before the beginning, wie der Mann auf dem Pferd zu sagen pflegt und so gut habe ich wirklich noch nie jemanden reiten sehen – auf meine ersten Impulse höre, dann gibt es da keinen Anschein von pastellig passiver Nüchternheit. Nein. Dann gehe ich auf die Bühne und lege ein Ei! Das mache ich. Ich scharre im Dreck. Ich zeichne mir mit Lippenstift meine roten Flecken nach. Ich stehle den anderen die Show. Ich falle ihnen ins Wort. Nein, ich lasse sie noch nicht mal zu Wort kommen. Ich schubse sie von der Bühne. Ich bin laut und brutal. Und eine Henne. Die nicht auf ihre Eier, sondern auf deine Ängste scheißt.
Und ich habe gesehen, es hat Löcher im Zaun.

Auf dem Bild siehst du, wie ich in den Sonnenuntergang spaziere. Mit den Pudels. Wir mögen das Bild.

Ragna

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