Ein Stück

Manchmal verfluche ich das Schreiben. Gerade zum Beispiel. Ich würde gerne ein Musikstück schreiben. Lauter Töne. Harmonien, Rhythmen. Wehmütig, vielleicht ein Dreivierteltakt. In a-moll. Andantino. Für Klavier. Wenn ich eine gute Komponistin wäre, würde ich sogar etwas für Orchester schreiben.
Ich wollte früher Komponistin werden. Gott hat mich damals mit einem absoluten Gehör gesegnet gehabt. Was hab ich daraus gemacht? Ich hab es vor die Wand gefahren. Meine Musikinstrumente stehen in der Ecke. Verstaubt. Ich rühre sie selten bis nie an. Von ihnen trennen kann ich mich trotzdem nicht.
Ich hänge an den Dingen. Sehr sogar. Kaum etwas ist mir mehr zuwider als Abschiede.
Niemals würde ich mein Cello verkaufen. Niemals. Es hat mich meine ganze Jugend begleitet. Seine Größe habe ich immer verflucht. Wie gerne hätte ich eine Piccoloflöte mit mir rumgetragen. So ein Cello ist ein ordentliches Gerät. Wie man es auch dreht und wendet, es ist und bleibt sperrig und schwer. Ich war ein zierliches Kind und versank unter meinem Cello, wenn ich es durch die Straßen trug. Und ich mochte die Blicke nicht.
Andererseits hat Cello so mit den schönsten Klang, den ein Instrument wohl hervorbringen kann. Dicht gefolgt vom Horn vermutlich. Deshalb habe ich mir vielleicht als Jugendliebe auch einen Hornisten gesucht. Ich war lange in ihn verliebt. Und immer wieder. Wir haben zusammen im Orchester gespielt. Er war schön. Und irgendwann wurden wir ein Paar. Wir haben uns sehr geliebt, denke ich. Er war oft wehmütig. Ich war noch jung. Einmal hat er mir ein Lied geschrieben. Dann haben wir uns getrennt. Obwohl ich nichts weniger leiden kann als Trennungen.
Jedenfalls denke ich manchmal an ihn. Wenn ich Musik höre. So wie gerade. Wir haben das geteilt. Die Liebe zur Musik. Er hat was draus gemacht. Ich bin bei der Sprache gelandet, ich Opfer.
Nein, Spaß beiseite. Ich denke, dass Sprache unter Umständen wahnsinnig musikalisch ist. Ja, dass sie sogar der Musik einiges voraus hat. Wenn man es denn zulässt. Aber das ist ein Thema für einen anderen Text.
Ich hab zuletzt was Musikalisches geschrieben. Seitdem leide ich unter einer Schreibblockade. Seitdem will ich lieber Komponistin werden. Ich könnte Dinge aufschreiben. Gefühle.
Sprache kann so furchtbar klar sein. So explizit. Dass die Leute nachher sagen, die meinte dieses und jenes damit.
Also träume ich davon, wie ich ein Stück komponiere, vielleicht im Dreivierteltakt, Tonika, Subdominantenparallele, Tonikaparallele, Dominante der Tonikaparallelen, Subdominante, voll Wehmut und Sehnsucht, in a-moll, Andantino, das in der Lage ist, das auszudrücken, was Sprache gerade nicht auszudrücken vermag.

Das Bild hat der Fotograf gemacht. Er hat es mir quasi geschenkt. Ich mag es sehr. Es hat mich an die Bilder in meinem Kopf erinnert.

Bild: Jiři Hrebicek

Ragna

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