Dritte Person

Sitze mit dem Spitz im Kleinstadtcafé. Es ist ja nicht so, dass wir gerade in der Schweiz gewesen wären. Dort gibt es viele Cafés. Aber ich dachte, nee, ich gehe mit dem Spitz ins Kleinstadtcafé. Ich weiß nicht, was mich geritten hat. Der Spitz thront auf meinem Schoß und zaubert den vorbeilaufenden Kleinstädtern ein Lächeln ins Gesicht. Er hat einfach das gewisse Etwas.
Der Schäfer hat mit seinem Charme heute schon die Geschäftswelt beeindruckt. Er hat mich die letzten beiden Monate zu einem Kurs begleitet. Toll hat er das gemacht. Ich habe den Geschäftsleuten gesagt, wie sie einen lockeren Ton in ihre Texte bekommen und der Schäfer hat für die nötige Unterhaltung gesorgt. Er war danach immer sehr stolz. Hauptsache Arbeit, hat er gesagt.
Geht mir genau so, meinte ich.
Stimmt doch gar nicht, entgegnet er. Du beschwerst dich regelmäßig über den Schüler.
Ja, da hast du recht. Weil der Schüler hat ein Problem mit der Selbsteinschätzung und das kann ich nicht leiden.
Der Schäfer zieht seine Augenbrauen hoch.
Du auch, sage ich.
Du auch, sagt er.
Wir schweigen.
Ein paar Stunden sind vergangen. In diesen paar Stunden sind erstaunliche Dinge passiert.
Um diese zu verstehen  – ein Exkurs.
R. war ein trauriges Mädchen. Keiner wollte mit ihr Schauspiel spielen. Keiner verstand sie. Sie war einsam und weinte drei Tage und drei Nächte bittere, bittere Tränen.
Am vierten Tag sagte sie: Ich werde mich nie wieder für irgendwen und irgendwas anstrengen. Ich kann nicht mehr.
Dann trocknete sie ihre Tränen und trank ein Proteinshake.
Dann brachte sie den Geschäftsleuten noch einmal bei, dass Form und Inhalt eines Textes im besten Fall zusammenpassen.
Dann trank sie mit dem Spitz einen Kaffee.
Ende Exkurs.
Jedenfalls habe ich in der Zwischenzeit beispielsweise mit dem Schauspieler gesprochen. Er will doch bisschen mit mir Schauspiel spielen, meinte er. Er mag die Rolle nicht, aber er kommt irgendwie nicht über den Film hinweg.
Tja, sage ich. Mach watte wills mit der Rolle.
Diesen Grat der Toleranz führe ich übrigens lediglich auf mein Tal der Tränen zurück.
Der Schäfer liegt neben mir auf dem Küchenboden. Ich war gemein zu ihm, die letzten Tage. Habe ihm Dinge unterstellt und wollte ihm das Wildsein austreiben. Dabei war ich einfach nur traurig. Ich gehe die Hocke und sage: Entschuldigung, Schafi, wenn ich unfair war. Ich liebe dich über alles. Bitte verzeih mir. Ich verspreche dir, dass ich aufschreibe, dass, wenn ich dir die Wildheit austreiben will, ich eigentlich unglücklich bin.
Der Schäfer nickt freundlich, legt seinen Kopf dicht neben meine Hand und schließt die Augen.
Hiermit schreibe ich auf.
Wenn R. dem Schäfer, Wanda, das Wildsein austreiben will, ist sie eigentlich unglücklich, traurig oder sonst wie unzufrieden. Es ist nicht des Schäfers Schuld.
Ich habe das in der dritte Person geschrieben, weil eine Geschäftsfrau heute meinte, das würde ihr leichter fallen, weil es unpersönlicher wäre. Wollte es mal ausprobieren. Finde in erster Linie, es macht Eindruck.

Ragna

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