Charakterfragen

Wenn mich jemand fragt, wie ich schreibe, dann sage ich in der Regel sowas wie, mir passiert oder begegnet etwas und dann höre ich Textausschnitte. Manchmal schreibe ich sie direkt auf, manchmal lasse ich Zeit verstreichen, weil ich noch nicht das Gefühl habe, dass genug Text da ist.
Ich habe das große Glück, Keine Schafe zu haben. Das erlaubt es mir, im schlodderigen Tonfall über große Dinge zu schreiben. Ich denke, das entspricht meiner Persönlichkeit. Wenn mich jemand fragen würde, wie meine Persönlichkeit ist, würde ich sowas sagen, wie im Kern groß, in der Ausführung schlodderig. Sonst würde ich vermutlich einen Roman schreiben. Oder pfiffige Dialoge.
Jedenfalls habe ich mich die Tage geärgert. Wenn ich richtig hingeschaut hätte, hätte ich mich vielleicht nicht ärgern müssen.
Wenn ich über Schmerzen schreibe, bleibt es oft diffus, habe ich gehört. Verschwommen. Das hat damit zu tun, dass es schwierig ist, über Schmerzen zu schreiben, ohne dass es für meine Ohren direkt wehleidig klingt. Ich mag keine Wehleidigkeit. Also bleibe ich diffus.
Als es bei mir mit den Schmerzen losging, habe ich meine Arbeit verloren. Ich war kurz davor, mein Studium zu beenden, hatte endlich wieder genug Geld, weil ich direkt zwei tolle Jobs in der Schweizer Stadt am Rhein hatte. Es lief bei mir, könnte man sagen. Und dann kamen die Schmerzen. Sie begannen in den Handgelenken, so dass ich keine Arbeiten mehr am Schreibtisch erledigen konnte. Blöderweise waren meine beiden tollen Jobs Schreibtischarbeiten.
Ich hatte das schon mal ein paar Jahre zuvor. Auch in den Beinen. Und immer konnte ich bis dahin aber irgendwie weitermachen.
Dieses Mal war es anders. Ein Schwindel beschleunigte die Abwärtsspirale, die mich innerhalb von wenigen Wochen ans Bett fesselte. Ich kämpfte ein paar Monate. Nein, eigentlich kämpfte ich Jahre. Aber ein paar Monate kämpfte ich damit, wieder zurückzukehren, zu den tollen Jobs, zum Tanztraining, zu meinen Freunden, zu meinem alten Leben.
Nach fünf Monaten begann ich den Kopf einzuziehen, weil ich mich meiner Umgebung nicht mehr zumuten wollte. Ich wollte meine Arbeitgeberinnen nicht immer wieder enttäuschen, bei meinen Freundinnen nicht diejenigen sein, die ständig Probleme hatte, in meiner WG nicht immer im Bett liegen, beim Tanzen nicht erklären müssen, warum ich diese oder jene Bewegung nicht mehr richtig ausführte.
Also zog ich mich lieber ganz zurück.
Das ist das Problem, wenn man eine innere Größe, aber einen schlodderigen Charakter hat. Man steht sich selbst im Weg und die anderen verstehen nicht, wie ernst die Lage ist.
Wenn ich jetzt zurückblicke und meiner Umgebung einen Rat geben dürfte, würde ich sagen, ihr hättet mich nicht gehen lassen dürfen. Ihr hättet mich ermutigen, nein, zwingen (einem schlodderigen Charakter kann man manchmal nur mit Zwang entgegenkommen) müssen, irgendwie weiterzumachen. Denn wenn ich an das denke, was dann folgte, laufen mir Tränen übers Gesicht. Wenn ich aufschreibe, in welche Einsamkeit ich in den darauffolgenden Monaten stürzte, welche Schmerzen ich körperlich und seelisch erlitt, zieht sich auch jetzt noch meine Brust zusammen und die Umrisse des Zimmers, in dem ich mich befinde, werden schemenhaft. Meine Beine werden zittrig und meinen Händen fällt es schwer, die richtigen Tasten zu finden.
Ihr habt mich aufgegeben, ihr, die ihr in meiner Umgebung wart. Ihr habt zugelassen, dass ein Mensch sich selbst aus Scham über das vermeintliche Versagen des eigenen Körpers in den Abgrund stößt. Ihr seid schwach.
Man muss sich das so vorstellen, dass der innerlich große Mensch mit dem schlodderigen Charakter zum Arzt geht und sagt,
Arzt, mit tut alles so weh, ich bekomme mein Leben nicht mehr bewältigt. Ich kann weder einer Arbeit nachgehen, noch kann ich mich anderweitig beschäftigen, weil man für fast alles seinen Körper braucht.
Der Arzt antwortet, aber du bist doch erst Ende 20. Das kann nicht sein.
Der andere Arzt sagt, iss gesünder. Mehr Brokkoli. Der andere sagt, du musst unbedingt erst deinen Master beenden. Der nächste sagt, schreib mir bitte deine gesamte Biografie auf, damit ich dich besser verstehen kann. Dann wird einem wieder gesagt, dass das nicht sein kann. Man sähe doch ganz munter aus (schlodderiger Charakter). Irgendwann gibt man die Hoffnung auf, die Dinge nehmen ihren Lauf und aus der körperlichen Not wird eine seelische. Die Katze beißt sich in den Schwanz.
Ich könnte diesen Text an dieser Stelle beenden und an einem anderen Tag die Geschichte fortsetzen, weil ich eigentlich zu diesem Punkt wollte. Zu dem Punkt, dass diese Zeit, in der ich erleben musste, keine Hilfe zu bekommen und in mir, in meinem schmerzbefallenen, wunderbaren Körper, mit einer Menge Zeit, die unmöglich zu nutzen war, gefangen zu sein, eine große Wunde hinterlassen hat.
Verrückterweise ist vieles, was die körperlichen Schmerzen dieser Wunde betrifft, geheilt. Das heißt, wenn ich heute Schmerzen bekomme, verfalle ich in keine Panik. Ich bewahre Ruhe, weil ich weiß, dass ich Dinge tun kann, die die Schmerzen lindern.
Wenn ich jedoch mit dem Gefühl in Kontakt komme, Zeit zu haben und diese nicht sinnvoll nutzen zu können. Wenn ich das Gefühl bekomme, gefangen zu sein in Einsamkeit und Stillstand, in Unglauben, in Überverantwortung für Dinge, die nicht meine sind, wenn ich mich zurücknehmen soll, damit andere ihren eigenen Probleme nicht begegnen müssen, dann reißt diese Wunde in ihrem vollen Ausmaß auf. Dann tobt meine innere Größe und verflucht die Schloddrigkeit.
Ich habe im Grunde nie aufgehört zu kämpfen. Auch wenn ich zwischenzeitlich den Rückzug angetreten habe. Sonst wäre ich heute nicht in der Lage, diesen Text zu schreiben. Ich hätte keinen Schäfer und ich hätte keine Bilder mit dem Fotografen gemacht. Ich kämpfe jeden Tag weiter dafür. Gegen ein Erbe, das einem versucht weiszumachen, dass es besser ist, kleine Brötchen zu backen und das eigene verfluchte Talent hinter der Mittelmäßigkeit von halbausgebildeten Köpfen zu verstecken. Gegen halbherzige, blutlose Ideen. Für die Bühne, für einen gesunden Körper, der am Ende so viel klüger ist als man denkt, und eine zufriedene Seele. Gegen die Einsamkeit und für ein Leben ohne Schafe.

Ragna

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