Bestellung

Eigentlich wollte ich mal wieder einen lustigeren Text schreiben, aber ich fürchte, wir sind hier noch nicht so weit.
Sitze in einem alemannischen Café in der Kleinstadt. Hier hat es große Fenster und Möbel, die dezent an die Kantine eines Altenheims erinnern. Wie auch immer, mein Lieblingscafé hat gerade geschlossen. Sie haben dort übrigens ein Gericht nach meinem Schäfer benannt.
Jedenfalls habe ich den Pudels heute morgen gesagt, wascht euch Gesicht und Hände, wir gehen in unser Lieblingscafé. Derweil habe ich versucht den Lieblingsknochen des Schäfers unbemerkt einzupacken. Das Café hat nämlich kein Frühstück für Hunde. Der Schäfer hat mich dabei erwischt. Er hat seinen Fuß auf meinen gestellt und gesagt, her mit dem Knochen. Ich habe gesagt, nein, den gibt es erst gleich. Dass ich damit den gesamten Zorn des Schäfers auf mich gezogen habe, durfte ich dann auf dem Weg zum Café erfahren.
Normalerweise braucht es aber noch eine andere Zutat, damit der Schäfer sauer auf mich wird. Nämlich, wenn ich zu kleine Brötchen backe. Wenn ich mich verstecke. Wenn ich meine Talente nicht sehe. Kurz – wenn ich das Croissant ohne Marmelade und den Cappuccino ohne Milchschaum bestelle. Ich denke, auch deshalb habe ich den Schäfer, weil er mich dann daran erinnert, die richtige Wahl bei der Bestellung zu treffen.
In dem letzten Text, den ich geschrieben habe, ging es um ein heikles Thema. Und im Grunde habe ich sowas gesagt wie, ich schaue mit einem künstlerischen Ansatz auf ein akademisiertes Thema. Ich habe ja mal studiert. Und da habe ich gelernt, dass es vor allem darauf ankommt, dass man beispielsweise richtig zitiert. Ein gewisser Sinn für einen guten sprachlichen Ausdruck ist natürlich auch von Vorteil, aber keiner wird von der Uni geschmissen, weil er wenig wortgewandt ist. Schön und gut. Für viele Menschen ist es vielleicht genau das Richtige. Ich habe da auch einiges dran gelernt. Ich muss aber auch feststellen, dass das, gepaart mit einem hohen Anspruch an mich selbst und mit einem ungehobelten Charakter, dazu geführt hat, dass ich panische Angst habe, nicht richtig zu zitieren. Oder das Falsche zu bestellen. Oder einer Sache nicht gerecht zu werden. Immerhin habe ich ja nicht jeden Text Kants gelesen. Also schreibe ich lieber gar nichts. Ich verharre in einer Regungslosigkeit. Bestelle ein trockenes Brötchen, schimpfe mit dem Schäfer, weil er die Katze jagt.
Was ich sagen will. Ich glaube, wir brauchen mehr Herz. Und mehr klares Denken. Alle schimpfen auf die Verkopftheit und übersehen, dass ein klares Denken nicht zwangsläufig das Gleiche ist wie richtig zu zitieren.
Ich habe dem Schüler gestern gesagt, dass er eine kleine Geschichte schreiben soll, in der Tag und Nacht vorkommen und ein inneres und ein äußeres Event geschehen. Dafür hatte er 5 Minuten Zeit. Nach 5 Minuten hat er mir eine erstaunlich gute Schilderung darüber vorgelesen, dass sich die Wahrnehmung nachts von der am Tage unterscheidet. Gut, habe ich gesagt. Und nächste Woche schreiben wir dann eine Geschichte.
Ich habe übrigens eine Croissant mit Marmelade, einen Cappuccino, Sprudel und ein belegtes Brötchen mit Käse bestellt. Es war viel Käse auf dem Brötchen. Die Pudels freuts.

Ragna

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